ALMANCA ANSİKLOPEDİDE DURSUN AKÇAM

Akçam, Dursun, geb. 12.7.1930 im Dorf Ölec bei Ardahan/Türkei, gest. 19.9.2003 Ankara /Türkei; Landarbeiter, Lehrer, Gewerkschafter, Herausgeber, Journalist, Schriftsteller, keine Religionszugehörigkeit. Das Geburtsdatum von Dursun Akçam ist unsicher. Es wird auch mit dem 12.8.1927 angegeben. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass seine Geburt erst viel später den staatlichen Behörden gemeldet wurde und seine Mutter sich nicht an das richtige Datum erinnern konnte. Akçam wuchs in einer armen Gegend im Nordosten der Türkei auf. Hunger und Entbehrungen prägten seine Kindheit und Jugend. Dies bestimmte lebenslang sowohl sein literarisches Schaffen als auch seine politischen Aktivitäten. Sein Vater war Landarbeiter oder wie Akçam zu sagen pflegte „Handarbeiter“ , seine Mutter gebar 13 Kinder, von denen nur sechs überlebten. Dursun Akçam lernte Lesen und Schreiben in einem Volksbildungsheim seines Dorfes. In der Koranschule konnte er schon als Kind den Koran auswendig zitieren, lehnte sich dort aber bereits gegen jeglichen blinden Gehorsam gegenüber Religion und Tradition auf. Gegen viele Widerstände wechselte er ins Dorfinstitut in Cilavuz von 1945 bis 1950, wo er erfolgreich die Reifeprüfung ablegte. Von 1950 bis 1956 war er als Grundschullehrer in Kars tätig, um dann am Gazi Institut in Ankara Türkische Sprache und Literatur zu studieren. Von 1956 bis 1958 war er als Gymnasiallehrer tätig. Seinen Militärdienst leistete er in Istanbul als Lehrer für türkische Sprache ab, um dann als Lehrer und Schulleiter in Ankara von 1960 bis 1963 tätig zu werden, wohin die Familie 1963 umgezogen war. Am 18.9.1951 hatte er Perihan Akininci geheiratet. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Seine gesellschaftspolitischen Aktivitäten begannen 1964 zunächst im Vorstand der Lehrervereinigungen der Türkei (TÖDMF) und als Gründer der türkischen Lehrergewerkschaft TÖS, zunächst als Kassenwart, dann als Stellvertretender Vorsitzender. In dieser Eigenschaft führte er die Tarifverhandlungen für seine Gewerkschaft. Er gehörte außerdem dem Pen-Club an. Nach dem Militärputsch am 12. März 1971 wurde Dursun Akçam verhaftet und zu acht Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt, dann aber freigesprochen. Während der Gerichtsverhandlung von 1971 bis 1974 war er als Lehrer suspendiert und dann an eine Mittelschule in Incesu strafversetzt. Nach 1976 wechselte er den Beruf und war als Journalist für bekannte Tageszeitungen tätig. 1978 gründete er mit anderen die Tageszeitung „Demokrat“ und wurde deren Chefredakteur. Als diese 1980 nach dem Militärputsch verboten wurde und er neue Verfolgungen befürchten musste, floh er nach Deutschland. Unter seiner Leitung erschien dort der „Demokrat Türkiye“. In Hamburg erhielt Dursun Akçam mit Unterstützung des damaligen Schriftstellers, Herausgebers und SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve politisches Asyl. Der damalige SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Bodo Schümann und seine wissen-schaftliche Mitarbeiterin Heike Baumann erreichten, dass Dursun Akçam auf St. Pauli eine Wohnung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SAGA beziehen konnte und im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM) einer Tätigkeit vorwiegend in der Bücherhalle Wilhelmsburg, aber auch in Kirchdorf-Süd nachgehen konnte. Seine Aufgabe bestand zunächst darin, den Bestand der türkischen Literatur zu pflegen und zu erweitern, auch die Zentralbibliothek bei der Anschaffung von Literatur über türkische Kultur zu beraten. 1989 befanden sich in der Bücherhalle Wilhelmsburg z.B. rund 1.300 Bücher, die die Türkei zum Inhalt hatten. Die wichtigste Aufgabe aber bestand darin, in den beiden Bücherhallen Übungen für türkische Kinder und Jugendliche anzubieten, um ihnen sowohl die türkische Literatur als auch die deutsche Sprache näherzubringen. Immer wieder drang er bei den Kindern und ihren Eltern darauf, die eigene kulturelle Herkunft nicht zu vergessen, andererseits die deutsche Sprache als Schlüssel für berufliche Tätigkeiten und eine gesellschaftliche Integration in Deutschland zu erlernen. Für die Schüler in Wilhelmsburg veranstaltete er Mal-, Gedichts-, Aufsatz- und Vorlesewettbewerbe. Dabei brachten die türkischen Kinder u.a. zum Ausdruck, welchen Spannungen und Hindernissen sie für ein friedliches Zusammenleben mit deutschen Kindern sich ausgesetzt sahen. Besonders die Mädchen sahen sich im Zwiespalt zwischen islamischer Tradition und deutscher Pädagogik, wenn ihre Lehrer sie zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit zu erziehen suchten. Darüber hinaus war er Mitgestalter an öffentlichen Veranstaltungen mit türkischen und deutschen Schriftstellern und Musikern z.B. Wolf Biermann, Nur Deniz, Melike Demirag, Simon Perver, Fuat Saka, Ayse Emel Mesci, Taksin Inciri im Bürgerhaus Wilhelmsburg und an anderen Stätten. Die deutsche Bevölkerung sollte auch mit der türkischen Kultur vertraut gemacht werden. Darüber hinaus hielt Dursun Akçam in den beiden Bücherhallen je zweimal die Woche sehr gut besuchte Bera-tungsstunden ab. Natürlich betätigte sich Dursun Akçam auch politisch. Er schrieb für die antifaschistische Exilzeitung „Demokrat Türkiye“ unter Pseudonym Beiträge und organisierte Pressekonferenzen, um auf die verheerenden Folgen der türkischen Militärdiktatur aufmerksam zu machen. Am ersten Jahrestag des Militärputsches trat Dursun Akçam am 11.September 1981 in der St. Stephanskirche in Eimsbüttel bei einem „Politischen Nachtgebet“, das gegen die Unterdrückung und den Terror der türkischen Militär-Junta protestierte, als authentischer Redner neben dem SPD-Bundestagsabgeordneten Freimut Duve, dem FDP-Politiker Martin Kirchner sowie Vertretern von Friedensinitiativen und der Kirche auf. In einer der öffentlichen Veranstaltungen wurde das kommunale Wahlrecht für Ausländer gefordert, unterstützt vom damaligen Bezirksamtsleiter von Harburg, Jobst Fiedler. 1991 konnte Akçam erstmalig wieder in die Türkei reisen. Schon frühzeitig begann Dursun Akçam, in seinem umfangreichen literarischen Schaffen, das Romane, Erzählungen, Reportagen umfasste, die Not der ländlichen Bevölkerung in der Türkei offenzulegen und von der Zentralregierung Abhilfe einzufordern. Er wurde damit zum Sprachrohr der Armen seiner Heimat. Dabei spielten verbesserte Bildungschancen für Kinder und Jugendliche sowie die Gleichstellung von Mann und Frau in der türkischen Gesellschaft eine wichtige Rolle. 1982 erschien sein in Deutsch und Türkisch verfasster und von Heinrich und Rene Böll finanzierter Band „Deutsches Heim – Glück allein“, in dem er 20 Landsleute gebeten hatte, jeweils ihre Erfahrungen nach der Übersiedelung nach Deutschland zu dokumentieren. Eine Minderheit dieser Autoren, meist aus dem gehobenen Bildungsstand, berichteten über ihre meist gelungene Integration in die deutsche Gesellschaft und lobten beeindruckt die Kultur und die politischen demokratischen Verhältnisse in Deutschland. Die Mehrheit dagegen, meist „Handarbeiter“, zeichneten ein vernichtendes Bild ihrer Behandlung in Deutschland: Diskriminierung bei der Arbeit und keine tarifgerechte Bezahlung, miserable Wohnmöglichkeiten sowie Verachtung und Diskriminierung durch die Nachbarn. Diese Beiträge sind ein wichtiges Zeitdokument für den Nachweis, wie die deutsche Politik und Gesellschaft sich gegenüber den von ihnen gerufenen „Gastarbeiter“ vollkommen versagt hat. Damals lebten etwa 1,5 Millionen Türken in Deutschland, die meisten „Handarbeiter“. 1995 kehrte Akçam nach seiner Pensionierung in die Türkei zurück. Er lebte fortan in Kusadasi, schrieb Beiträge für Zeitungen und den Roman „Kanluderenin Kurtkari“ mit eigenen biografischen Elementen. Dursun Akçam hat sich für das Zusammenleben von Deutschen und Türken große Verdienste erworben. Gleichzeitig hat er die menschenunwürdige Behandlung der ersten Generation der türkischen Gastarbeiter durch die deutsche Gesellschaft schonungslos aufgedeckt. Dursun Akçam ist für seine literarischen und gesellschaftspolitischen Aktivitäten mehrfach geehrt worden: 1962 für die besten Reportagen des Landes für die „ wich-tigsten Wahrheiten des Landes“,1975 mit dem türkischen Literaturpreis, 1976 den ersten Preis in der Kategorie „Roman des Türkischen Sprachinstituts“. Auf Initiative des spanischen Schauspielers Marco Moreno, selbst Emigrant, wurde am 20.10. 2015 in Anwesenheit der Familie in einem festlichen Akt der Wanderweg am Veringkanal in Hamburg-Wilhelmsburg nach Dursun Akçam benannt. Tanner Akçam, geb. 1953, Sohn von Dursun Akçam, floh 1977 ebenfalls nach Deutschland, nachdem er zehn Jahre im Gefängnis verbringen musste und dann floh. In Hannover promovierte er, erhielt dann die Möglichkeit, im „Hamburger Institut für Sozialforschung“ von Jan Philipp Reemtsma ein Forschungsprojekt zur wissenschaftlichen Beweisführung über den Genozid an den Armenien durch die Osmanen 1915 durchzuführen, das weltweite Anerkennung fand. Eine Tatsache, die noch heute von der türkischen Regierung geleugnet wird. Seit 2008 lehrt T. Akçam als Professor für Geschichte und Soziolologie an der Clark Universität in den USA. Werke (in Auswahl): Dağlarn Sultani: roman (Sultan der Berge) 1988; Generaller birleşin: Almanya`nin hababam sinifi 1988 (Generale kommt zusammen : Deutsche Habbam-Klasse); Seydam ürktü 1992 (Meine Liebe fürchtet sich); Alaman ocagi: Türkler Almanlari anlativor 1982 (Deutsches Heim: Wie Türken Deutsche sehen ); Öğretmeni kim öptu?: „Generaller Birleşin“ ve diğer övküler 1995 (Wer hat den Lehrer geküsst? „Generale kommt zusammen“ und andere Geschichten); Bütiün eserleri / 3 Ucu ucuna vaşam: roman, 1998 (Alle Werke / 3 Knappes Leben: Roman); Ölü Ekmeği 2005 (Brot eines Toten) (Übersetzung: Sevacam Karakasli) Literatur: Mittler zwischen Deutschen und Türken – Barrieren sollen fallen, in: Ham-burger Abendblatt 13.9.1985; Dursun Akçam las, in: Harburger Anzeigen und Nach-richten 31.10.1985; Internationales Fest im Bürgerhaus, in: Wilhelmsburger Wochenblatt 28.5.1986; Schirmherr Fiedler befürwortet kommunales Wahlrecht für Ausländer, in: Harburger Anzeigen und Nachrichten 26.5.1986; Das große Fest der Kinder, in: Hamburger Abendblatt 26.5.1986; Dokumentation in Türkisch und Deutsch, in: Hamburger Abendblatt 22.6.1987; Das große Kulturfest, in: Hamburger Abendblatt 2.6.1988; Mut wird belohnt, in: Harburger Anzeigen und Nachrichten 6.6.1988; Wilhelmsburger lesen mehr, in: Harburger Anzeigen und Nachrichten 10.2.1989; Der Märchenonkel war da, in: Harburger Rundschau 2.5.1990; Mit Gitarre und Schellen band, in: Harburger Rundschau 30.11.1990; Persönlich: Im Herbst zurück, in: Elbe Wochenblatt 22.3.1995. Bodo Schümann

ARA

DURSUN AKÇAM KÜLTÜR SANAT VAKFI VE KÜLTÜREVİ

DURSUN AKÇAM ORMANI

HAMBURG'DA DURSUN AKÇAM KIYISI

ARDAHAN'IN ÖLÇEK KÖYÜ TARİHİ

YAPITLARI